Niederstetten „Am Ende ist das beste am Ausgehen das Einkehren.“ Satz von Sacher-Wilmanns. Das Publikum, das am Freitag in Niederstetten die beiden Geräusch-Wort-Klang-Philosopie-Kabarett-Anarchisten mit ihrem neuen Programm „Zwitscherbilanz“ erlebten, dürfte widersprechen. Am Ende war am Ausgehen ins KULT das beste das da sein, das Ohren spitzen, das gedankliche Mitzerbröseln und verquer wieder zusammensetzen der Botschaften rund um den Alkohol und die um ein paar Tage verlängerte  Schöpfungsgeschichte. 

„Auf der Höhe der Zeit wird die Luft manchmal ziemlich dünn“, philosophieren die beiden, und dass, wenn weniger mehr ist, aus logischer Sicht nichts alles ist. Sie sind stoisch, todernst, tief melancholisch, verspielt poetisch und hoch musikalisch unterwegs - stets auf der Schwelle zwischen Wahn- und Aberwitz, Hinter- und Übersinn, Überwitz und Unterton balancierend.

 

Sie, das sind Buddy Sacher, der aus Opladen stammende Mann mit Hut und Gitarre, und Peter Wilmanns, der gebürtige Leverkusener mit Saxophon. Gemeinsam mit dem zum Jahresbeginn 2012 verstorbenen Klaus Huber waren sie über drei Jahrzehnte „Ars Vitalis“, dann – frisch verwaist - zu zweit „Das wüste Gobi“. Jetzt sind sie Sacher-Wilmanns. Das neue Programm „Zwitscherbilanz“ stellten sie im März in der „Comedia Köln“ vor – dort, wo sie zuletzt im November 2011 noch als Trio aufgetreten waren. „Zwitscherbilanz“ baut auf dem 2012 gestalteten „Gobi“-Programm „Freie Sicht auf die Ambiente“ auf, das damals seine Premiere auf den Niederstettener „KULT“-Brettern erlebte. 

Der Aufbau ist ein Ausbau: Die zwei Klang- und Wortdrechsler haben ihre Liebe zum Lied entdeckt – und frönen ihr hingebungsvoll lallend international im Vorwärts- und im Rückwärtsgang, besingen „promilleverwöhnt mit dem Himmel versöhnt“ absinthtrunken und chartreusewach den Alkohol in allen Formen, Pegel- und Promillevariationen, bis ihnen der Himmel klar wie Riesling erscheint, trockener, versteht sich, schießpulvertrockener.

  „Am Ende dreht sich alles um den Anfang, dreht sich alles um, dreht sich alles um Hunger und Durst – vor allem um Durst.“ Nie verlieren sie „den Boden aus den Füßen“, und das, obwohl „auf der Höhe der Zeit die Luft manchmal ziemlich dünn“ wird, insbesondere beim „Rauschen im Federwald“ und „am frühen Morgen, bei Einbruch der Klarheit.“ Köstlich das stoische Sie, mit der sich Wilmanns gentlemanlike den Kollegen auf Kunstdistanz hält, köstlich die fast schon akrobatisch zu nennende Mimik, mit der Buddy Sacher kindliches Staunen, poetisches Schwärmen gestaltet, das Publikum einspinnend, um es  Sekundenbruchteile später in Brechungswirbeln wieder nach festem Boden tasten zu lassen. 

Die wunderbar-wunderliche Musikalität des autodidaktischen Gitarristen Sacher und des Klassik- und Jazzerprobten Klarinettisten und Saxophonisten Wilmanns spinnt einen Kokon ums Publikum, das glucksend und kichernd die manchmal kaum noch hörbaren Klänge  ergänzt, fasziniert der Stille zwischen den Worten, den kunstvoll schräg gesetzten Tönen lauscht, ins „Hörspiel“ einsinkt und fasziniert Spieldose, Zwitschermaschine und Sentenzverbiegungen erlebt, die man sich unbedingt merken müsste, aber nicht kann, weil sie sich herrlich verzwirbelt dem Normhirn und der Regelwelt ebenso entziehen wie Verkehrsregeln alkoholgetränkten Fahrzeuglenkern. 

Sandiges Saxophon, engelshaarheller Spieldosenklang, klirrende Gläser, Schlauch, Loops, Melodika und poetisch einander ins Wort fallende Purzelduette, Wortklangkaskaden und Silbenpirouetten: Das Publikum – ein fast intimer Kreis von nur knapp dreißig Liebhabern – genoss einen Abend kunstvoll melancholisch gesponnener Ein-, Kein- und Zweisamkeiten und aberwitziger Theorien: „Sternschnuppenschön!“

 


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