Mergentheim Überm Caritas-Krankenhaus wohnen noch vier Schwestern des Deutschen Ordens. Schwester Maria Regina Zohner 1992 hierher kam, war das, was heute ein kleines Paradies ist, noch eine sterile Dachterrasse. 

Aus Nordböhmen stammt sie, erblickte das Licht der Welt 1941 am Hochfest Maria Himmelfahrt, an dem Tag also, den die Volksfrömmigkeit schon seit dem 9. Jahrhundert als Tag der Kräuterweihe feiert wird. Kein Wunder also, dass Schwester Maria Regina sie sich der Natur und den Kräutern verschieben hat.

 

 Die Familie wurde vertrieben, erlebte Lagerzeit und Armut. Aber selbst während der Zeit größter Not habe ihre Mutter, eine große Naturversteherin und Ästhetin, immer erst den Blick aufs Schöne gelenkt, auf die kleinen Blüten des Gauchheis, einer entfernten Verwandten der Primel, auf Spitz- und Breitwegerich aufmerksam gemacht. Auch der Vater war Pflanzenfreund. Ihn mit Phantasie-Pflanzen aufs Glatteis zu führen – ein herrliches Vergnügen für die Kinder. In der Erzgebirgs-Kinderheimat war es der Wald, der prägte: Unvergesslich sind Maria-Regina Zohner die Walderdbeeren, sonnenwarm noch und zusätzlich von der Hand der Mutter erwärmt: Welch ein Geschmack. Die Blätter wurden auch gleich gesammelt, für Tee, und Schönheit des Seidelbast und die Düfte wurden keineswegs nur nebenbei mit verzeichnet. 

Den Blick für die Natur schärfte schon das Kind weiter, schlicht auch aus Not: Es galt, Essbares zu finden in Wäldern und am Wegrand beim niederbayrischen Lager, Pilze und Beeren und Kräuter eben. Die Pflanzen ermöglichten das Überleben: Pflanzen als Gebende.  „Unkräuter gibt es nicht“, sagt Schwester Maria Regina. Noch das kleinste der Kräutchen, die heute oft als „Trittkräuter“   verbal abgewertet werden, habe seinen Sinn. Da geht sie mit der indianischen Weisheit einig, die die Bodendecker als gnädige Pflanzen bezeichnen, die die Blöße der Erde decken. 

Energisch wehrte sie sich dagegen, dass die Mitschwestern auch die Dachterassen-Platten steril  hielten, brachte hier mal ein blühendes Pflänzchen, dort ein Zweiglein mit, ließ ansonsten der Natur ihren Lauf. Vögel säten Gräser, erste Schmetterlinge kamen zu Besuch, wenn ein Korb Nüsse auf der Terrasse steht, freut sich die Elster und räumt um, nach Vogelart, versteht sich. 

Inzwischen ist aus der sterilen Terrasse ein Paradies geworden: Fächerblume, Geranien, Nelken, Schokoladenblume, Goldrute und Bougainvillea wachsen hier, in fast familiärer Einheit mit Brennesseln, Löwenzahn, Maggikraut und einer Basilikumvielfalt, die kaum überbietbar ist. Für die Klausurschwestern ist der Dachgarten nicht nur Erholungsparadies: Tomaten, Zucchini und Paprika, Schnittlauch und eine Vollversammlung verschiedenster Küchenkräuter sind zu entdecken, dazu Salate, eine Süßkartoffelpflanze, Erbeerspinat, Oliven, Zieräpfel, Feigen. Eine Birke hat sich angesiedelt hier oben, und der kleine Buchsbaum hat eine ureigene Geschichte: Ein Zweiglein aus der Kinderheimat wurde ihr einst zum zum Geburtstag geschenkt: So hat Schwester Maria-Regina ein Stück des Kinderparadieses in ihrem Klausurparadies willkommen heißen können. Tag- und Nachtinsekten schauen vorbei, Schmetterlinge setzen zusäztliche Farbtupfer in die ohnehin bunte Pracht, und eine Wespenfamilie, die hier keiner stört,  hat sich ebenfalls angesiedelt. 

Ihre Ausbildung als Diplom-Sozialpädagogin kam gut zwei Jahrzehnte lang angehenden Erzieherinnen zugute: Denen hat Schwester Maria-Regina ihren von William Blake entliehenen Wahlspruch mitgegeben: „Du hältst in einem Körnchen Sand und einer Blum' vom Wiesengrunde die ganze Welt in deiner Hand: Unendlichkeit in einer Stunde.“ Mitgegeben hat sie ihnen und auch manchen Patienten, die ihre Fähigkeiten als Heilpraktikerin zu schätzen wissen, auch ein Stück Gartenweisheit: „Lasst die Dinge wachsen. Unkräuter gibt’s nicht!“


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